Neues Strategiepapier

Hier ein weiteres vorläufiges Strategiepapier, diesmal auf Deutsch. Muss noch überarbeitet werden. (Außerdem habe ich heute an der ‘Companion Species’-Ecke gearbeitet.)

 

CENTER FOR CHOREOLOGISTICAL EMPATHY (Trademark)

– Strategiepapier –

Ausgangspunkt:

In zunehmendem Maße ist unsere Welt durch logistische Abläufe und Choreographien gekennzeichnet.

Das Schiff ist der wichtigste Leistungsträger der Globalisierung, und der Container sein technologischer Nukleus. Der globale Schifffahrtsverkehr hat sich seit den 1970er-Jahren vervierfacht, und ca. 90 % unserer Alltags-Güter werden heute über den Seeweg transportiert. In dem Maße, in dem die Schiff­fahrt wächst und sich damit der Frachtpreis pro Container verringert, in dem sich Ladezeiten durch die einfachere und zunehmend automatisierte Handhabung von Containern verkürzen, in dem die Trans­portkosten für Güter also radikal sinken, können einzelne Produktionsschritte an unterschiedliche Orte der Welt ausgelagert werden. Die ganze Welt wird ein einziges, zusammengesetztes, aber eng ver­bundenes globales Fließband.

Die Ausdehnung und Organisation von weltumspannenden Wertschöpfungsketten, die in zunehmen­dem Maße über das Internet organisiert und kontinuierlich über GPS und AIS – das sog. Automatische Identifikationssystem, das durch den Austausch von Navigations- und anderen Schiffsdaten weltweit die Sicherheit und die Lenkung des Schiffsverkehrs verbessert – kontrolliert und überwacht werden, und die zugleich Geographien und Lebenswelten konstituieren, entzieht sich weitgehend dem Wissen und der Wahrnehmung von Bürger_innen westlicher Großstädte. Oft ist nicht transparent, an welchen Orten und in welchen Arbeitsschritten Waren gefertigt, und wie viele Transportkilometer dafür zurück­gelegt werden müssen. Für ein einzelnes Sakko (made in Bangladesh) fahren Schiffe 48.000 km, mehr als zwei mal um die Weltkugel, und das zum Preis von einem U-Bahn-Ticket: Die Baumwolle stammt aus den USA, wird aber in Indien gewebt und gefärbt. Die Knöpfe werden in Vietnam gefertigt, aus Plastik, das aus Europa stammt, das aber in China verarbeitet wird. Die Herkunftskennzeichnung markiert nur die letzte Station eines weitverzweigten Netzwerks. Um diese globalen Netzwerke von Produktion und Wertschöpfung am Laufen zu halten, sind viele Reisekilometer notwendig, eine immer aufwendigere, virtuelle Steuerung, und genaue, zeitkritische Planung.

Zugleich ist Logistik mehr als der Transport und die Verteilung von Waren. Logistisches Denken be­zeichnet die prozess-orientierte Logik, die die Konzeption, Produktion und Verteilung von Waren als Flüsse versteht, deren Dichte und Geschwindigkeit stetig gemessen, kontrolliert, gemanagt und optimiert wer­den müssen. Damit Rohstoffe, Komponenten, Waren und Arbeitskraft nie zum Stillstand kommen, un­terliegen deren Bewegungen immer komplexeren, verschalteten Choreographien. Dinge und Menschen dürfen nie stillstehen, sie müssen jederzeit überwacht werden, damit sie stets zum rechten Zeit am rechten Ort geliefert, weiterverarbeitet, in Dienst genommen oder konsumiert werden können.

Sowohl in den voll-automatisierten Abläufen eines Containerterminals, als auch in den virtuellen Pla­nungswelten des Wertschöpfungsketten-Managements, das heute weitgehend die globale Choreo­graphie von Waren und Gütern bestimmt, scheint der menschliche Körper nebensächlich zu sein. Ein großes Containerschiff, beispielsweise, das etwa 18.000 Container transportieren kann, wird heute von einer Crew von weniger als 25 Männer und Frauen betreut und gesteuert. Ein solche Schiff liegt weni­ger als 36 Stunden im Hafen, um ent- und wieder beladen zu werden, bevor es wieder ablegt. Mensch­liche Sinne reichen nicht aus, um die gigantischen Dimensionen eines Hafenterminals, eines Container­schiffes oder einer globalen Wertschöpfungskette noch wirklich sinnlich zu erfassen oder zu verarbei­ten. Zu­gleich wird menschliche Arbeit in diesen logistischen Welten mehr und mehr überflüssig, oder – wo sie unersetzlich ist – immer stärker von den Zeitabläufen und Logiken eines nie stillstehenden Gü­terflusses bestimmt. In logistischen Abläufen wird menschliche Leistungsfähigkeit und Arbeitseffizienz, mehr noch als am Fordschen Fließband, gegliedert, fragmentiert, differenziert, vermessen und dem Imperativ des logistischen ‘performance measurement’ unterworfen.

Arbeitsfeld:

Die hier aufgebaute Forschungs-Installation untersucht folgende These: Zunehmend nimmt das Voka­bular des Choreographischen Einzug in logistische Diskurse, vor allem um die immer größer werdende Komplexität und Ausdehnung von miteinander verschalteten Arbeitsprozessen zu beschreiben. Daran anschließend, wird Logistik in dieser Installation explizit als die Erfindung, schrittweise Implementierung und Steuerung von menschlicher und vor allem nicht-menschlicher Bewegung als zu beherrschender Fluss, als komplexes choreo­graphisches Dispositiv also, verstanden. Untersucht wird die Ästhetik und die Bewegungslogik von Lo­gistik, zunächst im Bezug auf den Container, auf Containerterminals und Containerschifffahrt.

An Hand einer puzzle-artigen Zusammenstellung von somatischen und tänzerischen Praktiken, von Video- und Soundarbeiten, von installativen Objekten, und mit Hilfe einer kleinen For­schungsbibliothek wird nach dem Verhältnis des menschlichen Körpers zu choreologistischer Infrastuk­tur gefragt. Wie kann, im Angesicht der immensen Größe und ein­schüchternden ästhetischen Erhabenheit von logistischen Bewegungen, Architekturen und Geo­graphien, ein körperlicher Zugang zu diesen erprobt oder erarbeitet werden? Gesucht wird nach der Möglichkeit von Empathie sowohl mit den Arbeiter_innen logistischer Welten, als auch mit den von ihnen transportier­ten und bewegten Dingen. Ein Verständnis von und Erfahrungswerte mit logistischen Choreographien sind Bedingung einer schrittweisen Auseinandersetzung mit den Arbeitswelten, dem Dingbegriff, der Ideologie und der Ästhetik globaler Logistik. An dieser bürgerlich-emanzipatorischen Schwelle versucht die Installation ein fragmentiertes Erfahrungsfeld zu eröffnen, das seine Wirkkraft aber gerade nicht aus der unmittelbaren physischen Nähe zur Logistik erhält, sondernd deren Logik insofern übernimmt, als sie mit Methoden der Abstraktion und Virtualität arbeitet. Die Installation materialisiert eine vorsichtig forschende Bewegung und versteht sich als Experimentierfeld.

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